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Lebendiges Wasser – nicht in Palästina. Eine Kairos-Perspektive

Bibelbetrachtung über Offenbarung 21,6, verfasst von Hind Khoury, für die zweite der Sieben Wochen im Zeichen des Wassers 2016.
Lebendiges Wasser – nicht in Palästina. Eine Kairos-Perspektive

© ACT/Paul Jeffrey

Bibelbetrachtung für die Sieben Wochen im Zeichen des Wassers 2016

2. Woche

Hinweis: Die Meinungen, die in den Bibelbetrachtungen und verlinkten Hintergrundmaterialien zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖWN und des ÖRK wider.

Von Hind Khoury

Arabische Übersetzung (pdf)

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
(Offenbarung 21,6)

Es ist kein Zufall, dass unsere heilige Schrift, die Bibel, aus Palästina, Jordanien und Ägypten, also aus einem Wüstengebiet stammt. In der Tat ist und bleibt Wasser die eigentliche Quelle und Essenz des Lebens. Was die Israeliten in biblischen Zeiten erlebten, nämlich Dürre und Wassermangel, das erlebt die palästinensische Bevölkerung heute.

Das Thema Wasser zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Es beginnt in der Schöpfungsgeschichte (Gen1,6) mit dem Scheiden des Wassers vom Wasser und endet in der Offenbarung (21,6) mit einem Aufruf an alle, in Gottes Geschenk des lebendigen Wassers die Erlösungsbotschaft zu erkennen. Alle Christen und Christinnen werden mit Wasser getauft – ein Zeichen für die zentrale Bedeutung des Wassers in der christlichen Religion.

Wasser ist die Quelle des Lebens und eine Gabe Gottes an alle. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Geschichte von Jesus und der Samariterin (Joh4,4-10), in der Jesus lebendiges Wasser als Synonym für Erlösung verwendet. Doch auch im wörtlichen Sinne ist Wasser für das Leben essentiell. Das Gespräch zwischen dem Juden Jesus und der samaritischen Frau macht dies deutlich: Wasser ist das Leben und sollte an alle Menschen ungeachtet ihrer kulturellen, religiösen oder ethnischen Herkunft gerecht verteilt werden. Man könnte sogar folgenden Schluss ziehen: Jede und jeder Einzelne muss sich dafür einsetzen, dass alle Menschen auf dieser Erde Zugang zum Wasser haben. In unserer heutigen Welt nennen wir das ein Menschenrecht, das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser.

Palästina dürstet nach Gerechtigkeit

Wie die Bibel verkündet, spielt Wasser für das Leben und die Menschenwürde im besetzten Palästina eine entscheidende Rolle. Die israelische Apartheidpolitik verursacht jedoch einen alarmierenden Wassermangel, welcher die palästinensische Bevölkerung ihrer elementarsten Rechte beraubt und die Zukunft im eigenen Land gefährdet. Durch diese Politik wird Palästina „ausgetrocknet“.

Laut der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Al-Haq werden bis zu 80% der bestehenden Grundwasservorkommen im historischen Palästina (Israel selbst und die besetzten palästinensischen Gebiete) seit 1967 ungerecht und rechtswidrig zugunsten Israels und dessen kolonialen Siedler genutzt. Darüber hinaus wird das gesamte oberirdische Wasser des Jordanflusses nach Israel abgezweigt und der palästinensischen Bevölkerung jeglicher Zugang zu dieser lebenswichtigen Ressource verweigert.

Gaza, eine sich immer weiter zuspitzende menschliche Katastrophe

Nachdem der natürliche Fluss der Grundwasserader durch Israel behindert wurde, ist das Grundwasservorkommen in Gaza versiegt. Später wurden als Teil des Wasserembargos rund um den Gazastreifen zahlreiche tiefe Brunnen gebohrt und das Wasser des Wadi Ghaza in die Felder der israelischen Landwirtschaft umgeleitet, bevor es nach Gaza gelangt.

Im Gazastreifen selbst sind Be- und Entwässerungsanlagen seit Jahren Zielscheibe israelischer Angriffe und Sabotageakte. Durch die Überbevölkerung, die drei letzten Kriege sowie die militärische Belagerung wurde das Grundwasser derart verschmutzt, dass es für den menschlichen Gebrauch ungeeignet ist und wasserbürtige Krankheiten verursacht. Damit ist Gaza in Sachen Trinkwassermangel zu einer der schlimmsten Katastrophen weltweit geworden.

In den Fußstapfen Gazas

Nach jahrzehntelanger Besetzung ist auch im Westjordanland, wo die palästinensische Bevölkerung nur auf knapp 20 % der wertvollen Ressource zugreifen kann, Wassermangel zu einem der größten Probleme geworden. Mit der Aufteilung des Westjordanlands durch das Oslo-Abkommen in die Gebiete A, B und C hat sich die Lage noch weiter verschlimmert. Ein so genannter „gemeinsamer Wasserausschuss“ soll dafür sorgen, dass die Wasserbestände im Westjordanland gerecht zwischen Israelis und Palästinensern verteilt werden. Doch für das Gebiet C, das 51 % der westjordanischen Fläche ausmacht, hat Israel diesen Grundsatz nie angewendet. Für jede Entwicklungsmaßnahme im Gebiet C muss bei der israelischen Zivilbehörde eine Genehmigung eingeholt werden. Diese wird jedoch meist aus so genannten „Sicherheitsgründen“ verweigert, während sie in israelischen Siedlungen so gut wie immer gewährt wird. Mit ihren Investitionen in Landwirtschaft und Industrie, hochwertigen Wohnhäusern, Rasenflächen und Schwimmbädern liegt der Wasserverbrauch der kolonialen Siedler sogar über jenem der israelischen Bevölkerung in Israel selbst.

Laut Angaben des Ma’an Development Centre hat die Besatzungsmacht Israel außerdem hunderte von Brunnen abgeriegelt, sodass sie von der palästinensischen Bevölkerung nicht genutzt werden können. Die israelische Verwaltung bestimmt den Standort und die Tiefe der Brunnen – natürlich meistens zugunsten der Unternehmen in israelischen Siedlungen. Obst- und Gemüse-Exporteure wie Mehadrin oder Arava produzieren Datteln, Bananen, Weintrauben, Tomaten und vieles mehr für große europäische Supermarktketten, während palästinensische Bauern mit dem bisschen Land und Wasser, das ihnen gewährt wird, nicht einmal genug für den einheimischen Markt produzieren können.

Ein Kairos-Aufruf zum Widerstand

Das Kairos-Palästina-Dokument, ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, appelliert nun schon seit sechs Jahren an Palästinenser und den Rest der Welt, gegen die Ungerechtigkeit der israelischen Besetzung Widerstand zu leisten, weil es das Recht und die Pflicht aller Christinnen und Christen ist, sich gegen jede Form der Ungerechtigkeit zu wehren:

„Im Antlitz des Feindes die Würde Gottes zu sehen und im aktiven Widerstand nur solche Positionen zuzulassen, in denen sich diese Vision widerspiegelt, ist der wirksamste Weg, die Unterdrückung zu beenden und den Unterdrücker zu zwingen, von seiner Aggression abzulassen; auf diese Weise kann das erwünschte Ziel erreicht werden: das Land, die Freiheit, die Würde und die Unabhängigkeit wiederzuerlangen.“ (KP-Dokument 4.2.3)

Als eine Bewegung des gewaltlosen Widerstands plädiert Kairos Palästina für einen kreativen Widerstand, der mit der Liebe als Grundprinzip alle Kräfte in Bewegung setzt, um Frieden zu stiften. Beispiele für den kreativen Widerstand sind natürlich der Rückzug von Investitionen sowie Boykottmaßnahmen der Wirtschaft und des Handels gegen alle von der Besatzung hergestellten Güter. Dies betrifft nicht nur exportierte Agrarprodukte, sondern auch die massiven Auslandsinvestitionen in die staatliche israelische Wassergesellschaft Mekorot, die mit Ländern überall auf der Welt Kooperationsabkommen besitzt. Nach unserem Verständnis entsprechen Investitionsrückzug und Boykott dem Grundsatz der Liebe und des friedlichen Widerstands. Ihr Ziel ist nicht Rache, sondern die Beseitigung des bestehenden Übels, die Befreiung der Täter und der Opfer des Unrechts. Die Befreiung beider Völker von den extremistischen Positionen der verschiedenen israelischen Regierungen führt zu Gerechtigkeit und Versöhnung.

Unser Glaube schenkt uns Hoffnung, selbst wenn die Hoffnung weit weg zu sein scheint. Unser Kairos-Palästina-Aufruf endet mit der Vision einer friedlichen Zukunft: „Wir glauben an Gott, an den gütigen und gerechten Gott. Wir glauben, dass am Ende Seine Güte den Sieg über das Böse des Hasses und des Todes davontragen wird, die noch immer in unserem Land herrschen. Wir werden hier "ein neues Land" und "einen neuen Menschen" entdecken, der imstande ist, sich im Geiste der Liebe zu allen seinen Brüdern und Schwestern zu erheben.“ Amen.

Denkanstoss:

-       Wie würde Jesus, der sich bekanntlich für Gerechtigkeit und für die Unterdrückten eingesetzt hat, auf die israelische Apartheidpolitik reagieren?

-       Überlegen Sie sich, welche anderen Geschichten in der Bibel mit Wasser zu tun haben. Lassen sich zu der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung Parallelen ziehen?

-       Stellen Sie sich ihren Supermarkt vor: Ist es denn tatsächlich richtig, dass Tomaten aus israelischen Siedlungsgebieten günstiger sind als die Tomaten vom Bauernhof nebenan? Was hat das zu bedeuten?

-       Versetzen Sie sich in die Lage der Palästinenser: Wie würden Sie auf das ihnen auferlegte Leid reagieren?

Anregungen zum Handeln:

-       Studieren Sie das Kairos-Palästina-Dokument, um die Hintergründe für das Leiden der Palästinenser und Gottes Auftrag an uns als christliche und bewusste Menschen besser zu verstehen.

-       Unterstützen Sie die internationale BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestition, Sanktionen). Rufen Sie zum Boykott israelischer Agrarprodukte aus dem Jordantal auf.

-       Sprechen Sie in Ihrer Kirche über den Konflikt zwischen Israel und Palästina. ARIJ und Al-Haq stellen ausgezeichnete Karten und anderes Hintergrundmaterial über den fehlenden Zugang der palästinensischen Bevölkerung zu Wasserressourcen bereit.

-       Nehmen Sie an Konferenzen und Seminaren teil, bei denen es um die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden in Palästina geht, und folgen Sie Aufrufen zum Handeln und zur Fürsprache.

-       Fragen Sie Ihre Supermarktkette, wer ihre Handelspartner sind, also z.B. wo die Orangen herkommen. Protestieren Sie gegen den rechtswidrigen Handel mit Erzeugnissen aus den Siedlungen, deren Herkunft aus den besetzten Gebieten meist nicht einmal gekennzeichnet ist.

-       Kommen Sie und sehen Sie selbst! Besuchen Sie uns in Palästina, sehen Sie mit eigenen Augen, wie „Palästina ausgetrocknet wird”, und schließen Sie sich dem gemeinsamen Kampf gegen die völkerrechtswidrige und unmenschliche Besetzung der palästinensischen Gebiete an.

Hintergrundmaterial (in englischer Sprache):

-       Al Haq 2013, „Water for one people only – Discriminatory Access and ‘Water-Apartheid’ in the OPT“.

-       Applied Research Institute Jerusalem (ARIJ) 2012, „Water resource allocations in the occupied Palestinian territory: Responding to Israeli Claims“.

-       StopTheWall Factsheet: „Israel’s water company Mekorot – Nurturing Water Apartheid in Palestine”.



* Hind Khoury ist palästinensische Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie diente als Ministerin für Jerusalemer Angelegenheiten der Palästinensischen Autonomiebehörde und danach, von 2006-2010, als Botschafterin in Frankreich. Gegenwärtig ist sie Generalsekretärin der christlich-palästinensischen Bewegung „Kairos Palestine“, die aus dem Kairos-Dokument hervorgegangen ist. Das Dokument plädiert für ein Ende der israelischen Besetzung und eine gerechte Lösung des Konflikts.