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Feminisierung der Wasserarmut: Wassergerechtigkeit aus Sicht der Frauen

Die dritte Betrachtung zu den Sieben Wochen im Zeichen des Wassers 2020 des Ökumenischen Wassernetzwerks des ÖRK kommt von Adi Mariana Waqa, der Kinderschutzbeauftragten der Pazifischen Kirchenkonferenz
Feminisierung der Wasserarmut: Wassergerechtigkeit aus Sicht der Frauen

Photo: Albin Hillert/WCC

Die dritte Betrachtung zu den Sieben Wochen im Zeichen des Wassers 2020 des Ökumenischen Wassernetzwerks des ÖRK kommt von Adi Mariana Waqa, der Kinderschutzbeauftragten der Pazifischen Kirchenkonferenz mit Beiträgen von Frances Namoumou, Programmmanagerin, PCC, und Mereani Nawadra, Projektbeauftragte für Geschlechtergleichstellungstheologie, Methodistische Frauengemeinschaft. In der folgenden Betrachtung kritisieren sie Abrahams Entscheidung, Hagar mit einem Kind und nur sehr wenig Wasser in die Wüste zu schicken. Sie ziehen Vergleiche zwischen Hagar damals und den Frauen heute, die dafür verantwortlich sind, den Wasserbedarf der Familie auf Kosten ihrer eigenen Sicherheit und ihres eigenen Wohlbefindens sicherzustellen. Diese Betrachtung begeht den Internationalen Frauentag im Kontext mit dem Recht auf Wasser.

 

Text: Genesis 16:6-14; Gen 21:15-16

Betrachtung

Der Zugang zu sauberem Süßwasser ist für die gesamte Menschheit lebenswichtig, doch besonders für Frauen bedeuten der Zugriff auf Wasser und das Holen von Wasser den Unterschied zwischen Leben und Tod für sie und ihre Familien.

Die Geschichten über Hagar im 1. Buch Mose sind deshalb interessant, weil beide mit Wasser in Verbindung stehen. Im ersten Teil flieht Hagar vor den Misshandlungen Sarais und wird vom Engel Gottes neben einem Wasserbrunnen gefunden. Der Engel trägt ihr auf zurückzukehren und gibt ihr das prophetische Versprechen, dass ihr ungeborenes Kind viele Nachkommen haben wird. Hagar bezeichnet den Brunnen, neben dem sie saß, als „Beer Lahai Roi“ - Brunnen des Lebendigen, der mich ansieht (Gen 16:6-14).

Wenn wir Hagar wiederbegegnen, ist sie Mutter eines Teenagers, Ismael, dem älteren Bruder des rechtmäßigen Erben Isaak. Der Text offenbart gleich, dass Sarah sich über Ismael ärgert und nachdem sie ihn als „Spötter“ bezichtigt hat, verlangt sie, dass Abraham Hagar und ihren Sohn vertreibe. Das Versprechen, dass aus Ismael ein großes Volk erwachsen soll, wird wiederholt, dieses Mal, um die Schuld seines Vaters zu mildern. Abraham verstößt Hagar und ihren Sohn daraufhin nur mit etwas Brot und einem „Schlauch mit Wasser“ in die Wüste Beer-Seba (Gen 21:9-14). Hagar, die nun keine Sklavin mehr ist, schmeckt die bittere Süße der Freiheit, während sie mit ihrem Sohn, etwas Brot und einem „Schlauch mit Wasser“, der Schätzungen zufolge ungefähr 3,7 Liter enthielt, durch das wüste Ödland wandert.

Der Text verrät nicht, wie lange es dauerte, bis diese Menge Wasser unter extremen Bedingungen ausgetrunken ist, aber als es soweit ist, ist Hagar bestürzt und untröstlich, wenn sie ihren Sohn unter einem Strauch zum Sterben zurücklässt (Gen 21:15-16). Hagar kann Ismael nicht retten; hier zeigt sich die dünne Linie zwischen Leben und Tod, wenn Wasser knapp ist.

Erneut kommt der Engel des Herrn zur Rettung; er öffnet Hagar die Augen, so dass sie einen Wasserbrunnen sieht; Gott tut ihr die Augen auf zu sehen, und so ist sie in der Lage, Ismael zu retten und Gottes Versprechen am Leben zu erhalten.

Die Geschichte von Hagar, die in der Wüste weint, ist ein Sinnbild für die Feminisierung der Wasserarmut. Sie wird mit weniger als 4 Litern Wasser in die Wüste geschickt, was Abraham für zwei Menschen, von denen einer sein Sohn ist, für ausreichend hält. Es bleibt Hagar überlassen, herauszufinden, wie sie auf dieser beschwerlichen Reise durch die Wüste mit dem Wasser auskommen und Ismael dennoch am Leben halten soll. Der Text sagt uns, dass sie, als das Wasser aus ist, Ismael unter einen Strauch wirft und sich mehrere hundert Meter - einen Bogenschuss - entfernt hinsetzt, da sie es nicht erträgt, sein Sterben anzusehen. Was wie eine herzlose Tat aussieht, zumal von einer Mutter, könnte ein Akt der Verzweiflung gewesen sein, da sie kein Wasser für ihren Sohn finden kann.

Hagars Geschichte ist die Geschichte von Frauen überall dort, wo Dürren und Wasserknappheit die Existenzgrundlagen von Gemeinden bedrohen, so auch im Pazifikraum. Einigen Zahlen zufolge verbringen Frauen und Mädchen rund um die Welt jeden Tag 200 Millionen Stunden damit, Wasser für ihre Familien und Gemeinden zu holen.[1] Frauen findet man in langen Schlangen um Wasser anstehen, und sie zahlen einen enorm hohen Preis, um Zugang zu sicherem Trinkwasser für ihre Familien und Gemeinden zu erlangen. Wie Hagar sind auch sie für das Überleben ihrer Liebsten verantwortlich, indem sie Austrockung und Krankheit in Schach halten und gleichzeitig mit sanitären Einrichtungen und Hygiene für saubere Lebensräume sorgen.[2]

Das ländliche Hochland und die Westseite von Fidschis Hauptinsel werden häufig von Dürren heimgesucht, bei denen nahegelegene Wasserquellen in der Trockenzeit über Monate ausgetrocknet sind. Schon der Hinweg, den Frauen und Mädchen zurücklegen, um den nächsten Fluss zu erreichen, wo sie waschen, baden und für die Familien im Dorf Wasser holen, kann 4-6 km lang sein. Eine anstrengende und zermürbende Aufgabe, die auch die Frage nach der Sicherheit vor allem von jungen Mädchen aufwirft. In diesen Gegenden wird die Rolle innerhalb der Familie durch den Beitrag zum Überleben von Dürren festgelegt, besonders dann, wenn wenig bis gar kein Wasser mehr vorhanden ist. Die Männer bewirtschaften das ausgedörrte Land so gut sie können, die Frauen verkaufen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, um Geld zu verdienen, und häufig sind es die Töchter, die von der Schule genommen werden, damit sie auf die jüngeren Geschwister aufpassen, sich um das Heim kümmern und Wasser holen.

Mädchen müssen oft lange Strecken zurücklegen, um Wasser zu holen, wenn die Wasserquellen vor Ort trockenfallen. Dadurch sind sie Belästigungen und sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt. Im pazifischen Umfeld braucht man zudem auch Wasser für das gesellige Kavatrinken, wodurch die Frauen gezwungen sind, Wasser für die „Mischung“ zur Verfügung zu halten. Das kann zu häuslichen Auseinandersetzungen zwischen den Ehepartnern führen, was zu den sozialen Folgen der Wasserarmut für die Familien, Gemeinden und vor allem für Frauen beiträgt.[3]

Die Feminisierung der Wasserarmut beleuchtet die Bürde, die auf Frauen und Mädchen lastet, um Wasser für ihre Familien zu finden. Wenn die Wasserquelle versiegt, sind sie, wie Hagar, für das Überleben ihrer Liebsten verantwortlich. Die Misere von Hagars Erlebnis in der Wüste wird auf ihren sterbenden Sohn reduziert, selbst Gott erhört nicht ihr Weinen, sondern Ismaels.

Es wird nicht gefragt, wie lange sie nach einer Quelle oder Oase gesucht hat, bevor ihr „Schlauch mit Wasser“ zur Neige ging? Hat Hagar das Wasser rationiert, in der Hoffnung, Ismael würde überleben, bis sie eine Quelle gefunden hätte? Wieviel von dem Wasser trank Hagar selbst? Im Allgemeinen wird die Liebe einer Mutter das meiste, wenn nicht gar das ganze Wasser drangeben, damit ihr Kind leben kann. Trank Hagar also davon? Hoffte sie, den Brunnen „Beer Lahai Roi“ zu finden? Verirrte sie sich in der gleißenden Wüste, weil sie selber dehydriert und dem Tode nahe war? Was geschieht, wenn Frauen und Mädchen sich zur ihrer örtlichen Wasserquelle aufmachen und diese nicht mehr da ist?

Die Ironie beim Nachdenken über Wasserarmut im Pazifikraum liegt darin, dass das berühmteste Markenwasser der Welt aus der Region kommt - „Fiji Water“. Eine durchsichtige Flasche mit Bildern der üppigen Tropen und der typischen Hibiskusblüte, die suggerieren: „Sie trinken ein Stück vom Paradies!“ Aber während die Welt das als „feinstes Wasser der Welt“ vermarktete Produkt preist und bereitwillig trinkt, muss die kapitalistische Denkart, zu der reiche Nationen neigen, erst noch innehalten und fragen, wie viel Wasser noch in der Grundwasserschicht übrig ist und ob die Firma diese komplett leer schöpfen wird. Aus wie vielen weiteren natürlichen Grundwasserbrunnen werden ausländische multinationale Konzerne im Pazifikraum noch schöpfen, bevor sie aufhören? Scheren sie sich überhaupt um die Leute und um das Land, denen sie das Wasser nehmen? Oder macht die Kommerzialisierung des Wassers sie blind gegenüber den Ungerechtigkeiten ihrer Taten?

In der Region wird der Zugang zu Süßwasser immer mehr zu einem Problem. Es besteht die Gefahr, dass 4,3 Millionen Menschen in 12 Pazifikstaaten durch veränderte Niederschlagsmuster gefährdet sind, die zu einem hohen Ausmaß an Dürren auf der einen Seite und zu heftigeren Stürmen auf der anderen Seite führen.

Teile der von Dürren betroffenen Hauptinsel Fidschis sind auf die Belieferung mit Wasser angewiesen, und das gelangt auch nur in Gebiete, die von den Wasserbehörden versorgt werden können. Ländliche Dörfer und Gemeinden haben keine andere Wahl, als andere Wasserquellen aufzutun, wie z.B. Bäche und Flüsse, die sich oft Kilometer von den Wohnstätten entfernt befinden. Ein anderes Thema sind die stärker gewordenen Wirbelstürme, die natürliche Wasserquellen überschwemmen, verunreinigen und unbrauchbar machen.

Außerhalb von Fidschi führen verringerte Niederschläge in Teilen Mikronesiens zu mittelschweren bis schwerwiegenden Dürren. 2016 riefen die Marshallinseln den Notstand aus, als 13 Atolle ihre Regierungen offiziell um Hilfe bei der Bewältigung der Wasserknappheit baten. Palau verzeichnete die niedrigsten Niederschläge seit 1951 und verordnete eine Notfall-Wasserrationierung in einigen Gebieten.  n Papua-Neuguinea haben ca. 40% der Bevölkerung Zugang zu frischem Trinkwasser, und 2016 bedrohte eine Trockenperiode auf ihren Inseln die Nahrungsmittelversorgung von 1,5 Millionen Menschen. Drüben in Tuvalu und Tokelau gab es 2011 eine Wasserknappheit, so dass der Wasservorrat in den Ländern nur noch für eine Woche reichte. Der Pazifikraum bekommt die Auswirkungen der drohenden globalen Wasserkrise zu spüren, hauptsächlich in den ländlichen Gemeinden, wo sich der Zugang zu sicherem Trinkwasser am deutlichsten bemerkbar macht.

Doch im Zentrum des Problems stehen Frauen und Mädchen, die wie Hagar für das lebensspendende Wasser lange Strecken zurücklegen, um das Überleben ihrer Familien und Gemeinden zu sichern. Wie Hagar, deren vollständiges Erlebnis in der Wüste nicht erwähnt wird,[4] können die Erfahrungen der pazifischen Frauen in den Berichten, Studien und Recherchen, die sich mit der Wasserarmut in der Region befassen, untergehen. Sollten ihre Anstrengungen verschwiegen und ihr Kampf um Zugang zu sauberem Süßwasser bestritten werden, dann laufen sie wie Hagar Gefahr, ihre Kinder und die nächste Generation Pazifikinsulanerinnen und -insulaner an die Wasserarmut zu verlieren.

Fragen:

  1. Diskutieren Sie darüber, ob es von Abraham ungerechtfertigt war, Hagar und Ismael mit einem Schlauch Wasser in die Wüste zu schicken. Was sagt dies über die Einstellung von Frauen und Männern zu Wasser aus?
  2. Sollte die Pazifikregion ihre Süßwasserquellen vor ausländischen multinationalen Konzernen schützen, die in der Wasservermarktung im Ausland tätig sind? Warum oder warum nicht?

Aktionen:

* Lassen Sie Mädchen und junge Frauen aus Ihrer Gemeinde an ein junges Mädchen im Pazifikraum schreiben, das Wasser für das Überleben ihrer Familie holt.

* Was würden Sie sagen, um sie zu ermutigen? Gibt es etwas, das Sie aus ihrer Situation lernen können? Sehen Sie sie nicht als Opfer, sondern als jemanden, der stark und widerstandsfähig ist. Fügen Sie Ihren Namen, Ihr Land, Ihre Kirche und, falls möglich, ein Foto hinzu.

* Was können Sie in Ihrem Land tun, um die Mädchen und jungen Frauen im Pazifikraum, die keinen unmittelbaren Zugang zu sicherem Trinkwasser haben, zu unterstützen und ihnen Ihre Solidarität zu zeigen?

* Schicken Sie die Betrachtungen zur Übersetzung in ein paar pazifische Sprachen an das Team der PCC-Verwaltung in Suva. Die PCC sowie Ihre Kirchengemeinde können ausgewählte Teile der Betrachtungen in Flugblättern zusammenstellen, die dann an die Kirchen geschickt werden, damit diese sie zur Ermutigung der jungen Mädchen und Frauen verteilen.

Zusätzliche Quellen:

  1. https://www.unicef.org/press-releases/unicef-collecting-water-often-colossal-waste-time-women-and-girls
  2. https://www.theguardian.com/environment/2011/oct/04/south-pacific-water-crisis-rainfall
  3. https://reliefweb.int/disaster/dr-2015-000127-fji
  4. http://www.climateaction.org/news/water_shortages_spread_around_the_pacific_islands
  5. https://www.worldbank.org/en/news/feature/2018/03/20/papua-new-guinea-clean-water-access-to-end-the-walk-for-water-for-women-and-girls

[1] https://www.unicef.org/press-releases/unicef-collecting-water-often-colossal-waste-time-women-and-girls

[2] Anmerkungen von Mereani Nawadra

[3] Beobachtete Erfahrungen, die aus Gesprächen mit Frau Frances Namoumou gewonnen wurden, die 4 Jahre im Navosa-Hochland (Western Viti Levu) gelebt hat.

[4] Der Text schweigt über Hagars Erlebnis in der Wüste. Ging sie auf die Suche nach Wasser, konnte aber keine Oase finden? Wurde sie belästigt? Trank sie selber oder gab sie das meiste Ismael, damit dieser überleben konnte?